Anlauf Gegen Gewalt

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Anlauf Gegen Gewalt


September 23, 2022




von J. Schuetz

 

Nachdem die schweren Vorwürfe (Aufbau von Abhängigkeitsverhältnissen, Ausnutzen einer Machtstellung sowie psychische Gewalt) gegen André Fuhr, den Trainer der Dortmunder Handball Frauen, am vergangenen Freitag (16.9.), öffentlich bekannt geworden waren, ging es schnell.

Zum Spiel am Samstag gegen die Sport Union Neckarsulm fehlte Fuhr bereits auf der Bank der Dortmunderinnen.

Stattdessen übernahm Andreas Kuno als Co-Trainer die Aufgabe an der Seitenlinie, während Abteilungsleiter Heiermann den Ruhr Nachrichten versicherte, dass “es um die Fürsorge des Trainers gehe und das André Fuhr auf keinen Fall freigestellt sei.”  Selbiges hätten Vorstand und Abteilungsleitung beschlossen.

In Neckarsulm zeigte die Mannschaft um Spielführerin Alina Grijseels ihren ganzen Charakter und deklassierten die Gastgeberinnen 38:25 (17:12).

Dann überschlugen sich die Ereignisse und bereits am Montag (19.9.) waren die Worte von Abteilungsleiter Heiermann Makulatur.

Der BVB Vorstand um Präsident Reinhard Rauball hatte entschieden Fuhr freizustellen und die Verträge mit den Spielerinnen Zschocke und Berger aufzulösen.

Auf der Webseite von Handball World gab es eine Stellungnahme von Prof. Dr. Markus Buchberger, dem Anwalt von André Fuhr, mit seiner Sicht auf die Situation.

Schon Dienstags (20.9) hiess der viermalige Norwegische Vize-Meister, Storhamar, Mia Zschocke willkommen, waehrend die Ruhr Nachrichten verkündeten, dass die beiden Nationalspielerinnen bereits am 24. August dem BVB Abteilungsvorstand um Andreas Heiermann mitgeteilt hatten, dass sie unter Führung von André Fuhr keine Zukunft in Dortmund mehr sehen würden.

Am Mittwoch (21.9.) folgte die Medienmitteilung vom Deutschen Handballbund (DHB), wonach André Fuhr “den Deutschen Handballbund darüber informiert hatte, dass er aufgrund der aktuellen Diskussionen um seine Person nicht für den Aufbau der neuen U19/20-Nationalmannschaft zur Verfügung stehen würde”.  Der DHB entsprach Fuhr’s Wunsch.

Mitte der Woche war der BVB ein Stück weiter, wieder “vor die Lage” zu kommen und dem DHB blieb einiges an medialer Aufmerksamkeit in der Causa Fuhr erspart.

Wie weiter?

Drängende Punkte aus der Vorwoche wurden geklärt, aber auf die wirklich wichtigen Fragen bzw. Vorwürfe gibt es (noch) keine Antworten.  Wie geht es weiter?

Der BVB will die Vorgänge aufarbeiten und zwischen Verein und Trainer wird es zumindest eine arbeitsrechtliche Auseinandersetzung geben. Vorher will sich der Dortmunder Vorstand zu dem Thema nicht mehr öffentlich äussern.

Nach einer Reihe von widersprüchlichen Aussagen bleibt auch abzuwarten inwieweit Abteilungsleiter Heiermann Teil der Lösung sein kann?

Als Führungsperson in der Handballabteilung  muss er sich die Frage gefallen lassen, wie die Situation derart eskalieren konnte? Insbesondere wenn ihm die Vorwürfe von Zschocke und Berger schon seit Ende August bekannt gewesen sein sollen?

Wurden die Aussagen der beiden Spielerinnen nicht ernst genommen? Warum nicht?

Die Frage der Ernsthaftigkeit stellt sich auch nach Heiermann’s Bewertung der Angelegenheit gegenüber der Zeitung Welt (23.9.), die ihn zitiert: “Aber egal, was wird, es bleibt ja immer mehr als ein Veilchen hängen.”

Und was wird aus dem Trainer Fuhr? Seine Einlassungen auf die Frage der Ruhr Nachrichten, in einem Interview, zu Anfang Juni, “Wie sehen  Sie sich als Trainer”, erscheinen heute in einem anderen Licht:

“Das Bild des Trainers, die Führung haben sich verändert in den letzten Jahren.  Man muss mit Kritik anders umgehen als Trainer, trotzdem muss man kritisieren dürfen, sonst gibt es keine Entwicklung.  Ich war früher sehr viel strikter und deutlich emotionaler an der Linie, und ich hatte Mannschaften, wo ich die Energie übertragen konnte.  Der Ton war damals härter, das geht heute so nicht mehr, die jungen Menschen haben sich definitiv verändert.”

Reinhard Rauball – Schlüssel zu nachhaltigem Erfolg?

Für den scheidenden BVB Präsidenten – Dr. Reinhard Rauball wird sich im November nicht wieder zur Wahl stellen – bleibt somit auf den letzten Metern seiner Amtszeit noch einiges an Arbeit.

Aber schon Anfang August diesen Jahres erklärte Rauball dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: “Ich versichere ihnen allen schon heute, dass ich bis zum letzten Tag meiner Amtszeit und selbstverständlich auch im Anschluss daran alles in meiner Macht Stehende zum Wohle unseres Vereins tun werde.”

Man darf davon ausgehen, dass der BVB Präsident diese Worte ernst meint, denn Rauball ist niemand der Problemen aus dem Weg geht. Im Gegenteil.

Das erkannte schon BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke: “Rauball’s Bereitschaft, sich in der existenziellsten Krise unseres Klubs im Jahr 2004 erneut für das Amt des Präsidenten zur Verfügung zu stellen, bildete das Fundament für alles, was daran anschließend und bis heute beim BVB entstanden ist.”

Rauball könnte noch mal die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft stellen.  Die Handballerinnen des Traditionsvereins würden es ihm danken.

Die Abteilung hat zuviel Potential und kann (nicht nur) den deutschen Frauenhandball in den nächsten Jahren dominieren, wenn jetzt die richtigen Konsequenzen aus der verfahrenen Lage gezogen werden und ein Professionalisierungsschub stattfindet.

Wird Reinhard Rauball ein weiteres mal den Impuls geben, dem sein Nachfolger zur vollen Dynamik verhelfen wird?  Dem Handball in Dortmund und darüber hinaus wäre es zu wünschen.

Trainer gesucht

Wer die Mannschaft hauptverantwortlich trainieren wird ist ebenfalls offen. Ad interim hat Dominik Schlechter (BVB II) die Aufgabe übernommen. Eine Lösung von Dauer steht aus, die Perspektive muss stimmen, der oder die Kandidat(in) muss zur Mannschaft passen und die Zeit drängt.

Zentrum für Safe Sport

Die Politik hat die Wichtigkeit der Thematik mittlerweile erkannt und die Entwicklung hin zu einem Zentrum für Safe Sport scheint nur noch eine Frage der Zeit.

Wie die etwaige Einbindung von “Anlauf Gegen Gewalt” bei der Aufarbeitung der Vorwürfe in Dortmund aussehen könnte, die Ziele und Arbeitsweise der Initiative erklärt der Geschäftsführer von Athleten-Deutschland e.v., Johannes Herber, im folgenden Interview.

Foto:  Johannes Herber; Geschäftsführer Athleten-Deutschland e.v. (Maurizio Gambarini)

“Es wird ein hartes Stücke Arbeit”

Herr Herber, wieviele Meldungen erreichen die Anlaufstelle gegen Gewalt?

“Die Anlaufstelle gibt es erst seit vier Monaten und wir sind eigentlich erst in der Startphase.  Dort bekommen wir mehrere Meldungen pro Woche.  Aber man muss das differenziert betrachten – nicht jede Meldung konstituiert einen Fall. So rufen z.B. auch Leute an, die sich ganz einfach einmal nur Informationen beschaffen wollen.  Auf jeden Fall wird die Arbeit der Anlaufstelle wissenschaftlich begleitet.

„Die Anlaufstelle soll den Athletinnen und Athleten zunächst einmal die Möglichkeit geben, dass was sie erlebt haben in Worte zu fassen – ihnen Raum zu geben und mit Experten darüber zu reden.  Das kann über das Telefon passieren, aber auch in Schriftform.  Dann kommt man in der Regel sehr schnell zu der Frage: Was wollen die Betroffenen überhaupt?

„Da gehen dann die Bedürfnisse ganz stark auseinander. Manche wollen nur darüber reden und dann ist auch schon Schluss.  Andere wünschen sich einen rechtliche Erstberatung, die sie dann bekommen und wieder andere wünschen sich eine psychotherapeutische Erstberatung.

„Wieder andere sagen: „Mir ist dieses und jenes zugestoßen, ich möchte das dieses Verhalten ein Ende findet und könnt ihr mir dabei helfen mein Anliegen an die richtigen Stellen zu bringen?“  Und das tun wir dann.

„Wir versuchen das Anliegen zu strukturieren und an die entsprechenden Stellen bei den Verbänden oder Vereinen zu bringen und auch zu begleiten.

„Es ist nicht unser Mandat eine richtige Intervention zu betreiben – das ist Sache des einzelnen Verbandes oder des Vereins.  Wir können nicht investigativ tätig werden.  Wir sind diejenigen, die sich alles zunächst einmal anhören und dann auf Wunsch auch nächste Schritte einleiten.”

Um den aktuellen Vorgang in der Frauen Handballabteilung beim BVB Dortmund aufzugreifen – dort sind die betroffenen Spielerinnen, als auch Trainer freigestellt worden.  Ist der Vorgang damit vom Tisch?  Wann endet ein Engagement des Vereins „Athleten Deutschland  e.v. / “Anlauf gegen Gewalt”?

„Momentan ist es so, dass wir auch auf den nächsten Schritt des BVB warten. Wir gehen davon aus, dass der Prozess noch nicht beendet ist.

„Wie geschrieben wurde, soll es eine erweiterte Aufarbeitung geben, die sich auch mit den Wurzeln (des Problems) befasst.  Wir sind immer noch dabei dies alles zu sortieren – es ist immer noch sehr frisch und beraten intern über die nächsten Schritte.“

Würde der Verein Athleten-Deutschland e.v. auf Anfrage auch in die Richtung hin tätig werden, wenn der BVB Dortmund um Hilfe bitten würde, um etwaige Missstände oder Defizite zu beheben bzw. um entsprechend verbesserte Strukturen zu schaffen?

„Momentan würde ein solches Anliegen über unsere vorhandenen Ressourcen hinausgehen. Wir sind gerade in der Aufbauphase, wo wir die Dienstleistung anbieten, die ich vorhin beschrieben habe.  Wenn die Vereinseigenen Strukturen bzw. die bis dahin getroffenen Präventionsmassnahmen nicht stark genug sind, dann bietet sich der Schritt an, sich Hilfe von unabhängiger Seite zu suchen.

„Gerade deswegen haben wir uns in den letzten zwei Jahren für die Erschaffung des „Zentrums für Safe Sport“ sehr eingesetzt.

„Am Ende sollten wir eine drei Säulen Struktur haben.

Zunächst wäre da die Prävention – das wäre die Sache des Sports.  Das sagen Vereine und Verbände zumindest immer sehr selbstbewusst. Dies ist auch richtig und wichtig, dass selbiges nicht ausgelagert wird, sondern dass Vereine und Verbände sich dieses Thema vergegenwärtigen und Prävention in den eigenen Reihen betreiben.

„Aber wir sagen es muss ein Zentrum geben, was dabei hilft diese Prävention zu unterstützen, wenn es z.B. darum geht Risikoanalysen zu betreiben und auch beim Monitoring.

“Oftmals existieren Schutzkonzepte im Download Bereich auf den Webseiten (von Vereinen und Verbänden), aber es gibt keine gelebte Umsetzung.

“Hier wäre das Zentrum für Safe Sport geeignet, um ein effektives Monitoring zu betreiben. Bei 90.000 Sportvereinen in Deutschland ist das natürlich sehr schwierig, aber man könnte es natürlich Stichprobenartig machen.

„Die zweite Säule wäre die Intervention.

In so einem Fall würden wir uns wünschen das, dass Zentrum (für Safe Sport) Kapazitäten für Intervention hat, mit eigenen Untersuchungskompetenzen, eigener Gerichtsbarkeit und mit eigenem rechtlichem Rahmen der justiziabel ist, wo auch Fälle bearbeitet werden können, die unterhalb der strafrechtlichen Grenze liegen.

Letzteres ist leider sehr häufig der Fall, da die Fälle nicht strafrechtlich relevant sind, aber dennoch tiefe Wunden hinterlassen. Hier sollte es Durchgriffsrechte geben und ggf. auch eine Schiedsgerichtsbarkeit.

„Die dritte Säule wäre dann die Aufarbeitungskomponente, so wie es kürzlich beim Turnen war und wie es im Schwimmen derzeit notwendig wäre.

„Wenn man sich die Empfehlungen der Aufarbeitungskommission anschaut, dann wird eigentlich immer eine unabhängige Begleitung der Prozesse nahegelegt. So ein Zentrum könnte selbiges liefern.  Dies wäre jedenfalls das mittelfristige Ziel.“

Würde die Funktion des Vereins Athleten-Deutschland e.v. / “Anlauf gegen Gewalt” in dem Zentrum für Safe Sport aufgehen oder bleiben parallele Strukturen bestehen?

„Das Zentrum sollte schon eine unabhängige Institution sein. Es sollte nicht mit Athleten-Deutschland verknüpft sein.

„Die Anlaufstelle gegen Gewalt haben wir aufgebaut, weil wir bereits häufiger kontaktiert worden sind und weil wir gemerkt haben, dass wir die nötig Kompetenz dafür brauchen, um mit diesen Fällen umzugehen.  Diese wollten wir uns selbst geben, weil wir realisiert haben, dass dort ein enormer Druck im Kessel ist.

„Es gibt immer wieder Fälle, die misstrauen den bestehenden Anlaufstellen, die außerhalb des Sports existieren, weil dort oftmals keine Sensibilität besteht oder den jeweiligen Sport nicht kennen.

“Deswegen ist es wichtig das etwas außerhalb den Sportstrukturen existiert und aber auch die Kompetenz hat und ein Vertrauensverhältnis anbieten kann.  Das bringen wir mit.  Wir sind eine junge Organisation, die durch die Unabhängigkeit eine gewisse Vertrauenswürdigkeit genießt.  Anders als z.B. ein Verband oder ein Verein.

„All das hat sich in den ersten Monaten der Anlaufstelle bewahrheitet, aber wir brauchen unbedingt die Interventionskapazitäten von unabhängiger Seite, die ein Zentrum mitbringen könnte.

„Derzeit sind wir ja auch Beteiligte und parteiisch.  Wir hinterfragen nicht “Wie war es”, sondern wir nehmen das alles so auf.  Wir schaffen den Raum, aber wir betreiben keine Vorverurteilung.  Wir gehen nicht raus und klagen an, sondern wir versuchen mit den Betroffenen den Weg zu gehen, den sie sich wünschen.“

Wobei der Name „Anlaufstelle gegen Gewalt“ in den Medien und auch der Öffentlichkeit eine starke Wirkung entfaltet, wie man im Fall Fuhr und den Handballerinnen von BVB Dortmund beobachten kann…

„Im vorliegenden Fall gilt klarzustellen das wir (Athleten-Deutschland e.v.) den Namen der Anlaufstelle nicht in die Medien gebracht haben.

„Wenn man genau hinschaut, hat nicht der Verein (Athleten-Deutschland e.v.) die Anlaufstelle in die Medien gebracht.  Es würde auch komplett unserer Vorgehensweise widersprechen.  Es liegt nicht in unserem Interesse die Themen öffentlich auszutragen.“

Das U.S. Center for SafeSport ist schon deutlich weiter. Warum erkennt man in Deutschland den Vorbildcharakter einer solchen Institution nicht einfach an, kopiert und implementiert die besten Elemente davon in einem Zentrum für Safe Sport? Stattdessen müssen bürokratische Hürden genommen werden, die der Sache doch entgegenstehen?

“Wenn wir es alleine entscheiden könnten, hätten wir es wahrscheinlich schon längst gemacht.

“Allerdings mussten wir hier zunächst einmal die politische Überzeugungsarbeit leisten, bis sich die Regierung dazu bekannt hat und auch in ihrem Koalitionsvertrag das Vorhaben unterstützt.

“Der DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund) hat auch noch einmal 1 1/2 Jahre gebraucht, um sich für die Unabhängigkeit eines Zentrums für Safe Sport zu bekennen.  Ja – es gab diese bürokratischen Hürden, aber es war notwendig diese Pirouetten zu drehen, weil es dieser Überzeugungsarbeit bedurfte.  Jedoch sind bei weitem noch nicht alle davon überzeugt.

„Sicher kann man sich das U.S. Center for SafeSport als Vorbild nehmen, aber man muss vorsichtig sein, um es mit „Best Practice“ gleichzusetzen, weil die Strukturen und die rechtlichen Rahmenbedingungen in Amerika andere sind.  Das ist keine triviale Angelegenheit, gerade wenn man an die Bereiche Intervention, Untersuchungskompetenzen, Sanktionsmöglichkeiten, Durchgriffsrechte denkt.

„Das ist nicht leicht.  Dann auch die Verbände davon zu überzeugen, ihre Autonomie ein Stück weit abzugeben und sich einer anderen, neuen Gerichtsbarkeit zu unterwerfen wird ein hartes Stücke Arbeit.

Wie groß ist heute das Risiko für einen Verband oder Verein, das Sponsoren im Zuge von Missbrauchsfällen ihr finanzielles Engagement gegenüber Verbänden und/oder Vereinen einstellen?

„Sie haben Recht – es gibt eine gestiegene Sensibilität bei den Sponsoren zum Thema „Missbrauch im Sport”.  Andererseits sieht man am Beispiel der FIFA, dass die Sponsoren trotz Verfehlungen des Verbandes weiterhin da sind.  Asiatische Sponsoren sehen die Problematik vielleicht noch einmal mit anderen Augen, wie Europäische Sponsoren?“

 

 

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