“Professionalität ist eine Einstellung und keine Rechnung”

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“Professionalität ist eine Einstellung und keine Rechnung”


October 7, 2022




von J. Schuetz

 

Henk Groener ist der neue Trainer der Dortmunder Handballfrauen. Ab dem 1. November übernimmt der Niederländer die Aufgabe bis zum Ende der laufenden Saison.

Nach turbulenten Wochen zu Beginn der Spielzeit, der Suspendierung von Trainer Andre Fuhr und den vorzeitigen Abgängen der beiden Nationalspielerinnen, Mia Zschocke und Amelie Berger, soll nun Ruhe in den Verein einkehren.

Im Interview spricht Groener über die die Herausforderungen beim Deutschen Meister von 2021, das Potential der Marke “BVB Dortmund”, die Gründe welche zu seiner Entscheidung führten, den DHB zu verlassen, überhöhte Erwartungshaltungen, was getan werden muss, um junge Talente in Deutschland zu fördern und seinen Ausblick auf die EHF EURO 2022.

Was hat den Ausschlag für die Zusage in Dortmund gegeben?

Dortmund ist einer der wenigen Vereine im deutschen Frauenhandball wo, wenn es gut gemacht wird, wirklich etwas möglich ist.

Gerade die vorliegende Situation ist eine Herausforderung und interessant für mich.  In Dortmund sind Umstände eingetreten, die sich wohl niemand vorher gewünscht hat. Aber so ist es jetzt.

Ich bin ein Handballtrainer und möchte dies auch weiterhin sein. In Dortmund besteht jetzt die Möglichkeit eine Mannschaft zu trainieren, dem Verein zu helfen und den Weg nach vorne wieder zu finden.  Und “Nein” eine Situation wie die derzeitige habe ich in meiner Trainerkarriere noch nirgendwo so vorgefunden.

Der Vertrag in Dortmund wird zunächst bis zum Ende der Saison 2022/23 laufen. Besteht Interesse auch darüber hinaus mit der Mannschaft zusammenzuarbeiten?

Das wurde gar nicht thematisiert.  Da war Andreas Heiermann (Abteilungsleiter Handball) von Anfang an sehr offen und klar.  Im Moment wird eine Lösung bis zum Ende der Saison angestrebt.  Im Verein ist noch nicht entschieden, wie es weitergehen soll.  Wenn diesbezüglich Klarheit herrscht, kann man auch über weitergehende Schritte sprechen.

Das ist im Moment nicht das Thema.  Wichtig ist die jetzigen Probleme zu lösen, um dann die Weichen für eine eventuelle Zukunft zu stellen.

Die Dortmunder Handballerinnen sind die erste Frauenmannschaft, welche Henk Groener auf Klubebene trainiert?

Das ist richtig. Ich habe ohnehin erst zwei Frauenmannschaften trainiert. Nach fünf Männermannschaften war die Holländische Frauennationalmannschaft die erste, welche ich trainiert habe und danach die deutschen Handballfrauen.

Dortmund ist eine herausfordernde Situation mit einigen Spielerinnen, die ich gut kenne. Bei einem Neuaufbau bzw. Neuanfang helfen zu können und den Verein in eine gute Richtung zu führen, fand ich sehr reizvoll, auch wenn dieses Vorhaben nicht einfach sein wird.

Gibt es bereits Pläne nach dem Abgang von Mia Zschocke (Storhamar Elite Handball) und Amelie Berger (Bensheim Auerbach) neue Spielerinnen zu holen –  wenn möglich noch in der laufenden Saison?

Ja – aber es müssen natürlich auch sinnvolle Verstärkungen sein. Es ist alles nicht so einfach. Wir müssen schauen, was sich ergibt, was möglich ist und ob es irgendwo Spielerinnen gibt, die zu uns kommen können oder wollen.  Das lässt sich aber jetzt noch nicht sagen. Der Wille ist da, das Auge ist offen, aber wir müssen sehen, ob sich da wirklich etwas ergibt.  Die Saison ist noch sehr frisch und es gibt noch nicht so viel Bewegung.

Die Marke BVB Dortmund bietet ein enormes Potential, unter der auch die Handballabteilung ohne weiteres zu einer Top Adresse ausgebaut werden kann, wenn der Verein das will.  Die derzeitige Situation bietet auch eine Chance sich zu professionalisieren und entsprechend besser aufzustellen.

Das Wort Krise hat im Chinesischen zwei Zeichen. Das eine meint “Bedrohung” und das andere bedeutet “Chance”.  So ist es auch.

Aus jeder Krise kann man etwas gutes aufbauen. Der Punkt Professionalität kann im Handball überall noch gesteigert werden.

Es gibt Vereine, welche die Mittel dazu haben. Bietigheim ist ein solcher Verein und ich glaube auch Dortmund, aber im im internationalen Vergleich ist all das noch begrenzt.

Das wichtigste ist die Organisation um das Handballfeld herum, die Rahmenbedingungen. Dabei geht es nicht nur um Geld. Professionalität ist eine Einstellung und keine Rechnung.

So wie ich die Mannschaft bis jetzt wahrgenommen habe und diejenigen, mit denen ich gesprochen habe, gibt es viele, die die richtige Einstellung haben.  Das ist gut, damit kann man arbeiten und das werden wir machen.

Wichtig wird sein, dass wir auf allen Positionen das tun, was dazu gehört, wenn wir wieder an die Spitze kommen möchten.  Zuerst an die deutsche Spitze – diese Saison ist Bietigheim der klare Anwärter darauf. Das wird niemand ernsthaft bestreiten.

Bietigheim hat in der Breite noch einmal eine ganz andere Qualität, aber dahinter wird es interessant.  Sowohl der Thüringer HC, als auch wir sollten in der Lage sein dabei mitzumischen.

Wenn dann auch im Verein alles klappt und grünes Licht kommt, dann können wir die richtigen Schritte gehen, um den Angriff nach oben wieder zu starten.

Bedingt durch die vorgezogene EURO 2022 (4. – 20.11. in Slowenien, Montenegro, Nordmazedonien) werden auch die Kaderplanungen in den Vereinen nach vorne rutschen. Viel Zeit bleibt nicht, um die neue Ausrichtung in Angriff zu nehmen?

Richtig – wir können uns nicht ausruhen. Aber es ist wichtiger die grundsätzlichen Weichen zu stellen, als kurzfristig zu handeln, um hier und da Spielerinnen zu schnappen, um dann irgendwie für nächste Saison einen Kader zusammen zu haben.

Ja – vieles muss gleichzeitig passieren und darüber hinaus müssen wir auch noch eine Saison spielen. Es ist sehr viel Arbeit, die da vor uns liegt.

Der Verein muss sich zunächst entscheiden, wie es jetzt – in dieser Saison -weiter geht.

Mit etwas Abstand betrachtet – was hat Henk Groener dazu bewogen einen Schlussstrich unter das Kapitel DHB / Frauennationaltrainer zu ziehen?

Zu Anfangs hatten wir wirklich gute Gespräche, zusammen mit Wolfgang Sommerfeld und Axel Kromer, und wir hatten eine klare Zielrichtung: Langfristig eine Mannschaft aufzubauen, die grundsätzlich um Medaillen spielt.

Ich habe es schon einige Male vorher gesagt, dass nur weil man aus Deutschland kommt nicht automatisch im Halbfinale steht.

Die Erwartungshaltung ist aber trotzdem immer da. Letztendlich habe ich festgestellt, dass meine Sichtweise und die der Organisation, wie man selbiges erreichen kann, nicht auf einer Linie waren.

Irgendwann hatte ich dann das Gefühl, dass ich nicht mehr der richtige Mann auf dieser Position, in dieser Organisation war. Wenn jemand nicht mehr zu 100% davon überzeugt ist, dass ich diesen Job machen soll, dann muss ich ihn nicht mehr machen. Dafür ist dieser Posten zu wichtig, dafür ist die Mannschaft zu wichtig.

Ich fand wir haben sehr gut mit der Mannschaft gearbeitet und sehr viel auf den Weg gebracht, aber meiner Meinung nach war alles zu kurzfristig ausgelegt. Von Anfang an hieß es: “Halbfinale nicht erreicht, Halbfinale nicht erreicht” und ich habe mich gefragt, woher diese Haltung kommt?

Das Erreichte wurde zu oft – nicht von allen – nicht als Leistung, sondern als Misserfolg bewertet.

Wenn es darum geht 16 Spielerinnen zusammenzustellen, um zu sehen, ob man ins Halbfinale kommt, dann bin ich nicht der richtige Mann.  So möchte ich nicht arbeiten und das habe ich zu Anfang und auch zwischendurch immer wieder angesprochen und klar gemacht.

Aber Strukturen und Kulturen sind hartnäckig und wenn ich diese Veränderungen nicht hinbekomme, dann bin ich nicht am richtigen Platz.

Mein Ziel ist es – egal wo ich arbeite – das ich Dinge entwickeln kann. In der Mannschaft hat man Entwicklungen gesehen, im Abwehrspiel, Gegenstossspiel – insgesamt wurde die Mannschaft stabiler und konnte sich hinter der Weltspitze etablieren.

Ja – wir hatten einige Male die Chance auf ein Halbfinale, aber wir haben sie nicht genutzt.  Das war leider so, aber es hatte auch mit Qualität zu tun. Wir hatten in diesen Momenten nicht die Abgeklärtheit, um das hinzubekommen.

Herrscht im DHB eine zu hohe Erwartungshaltung bezüglich Erfolgen – nicht nur im Frauenbereich?

Der DHB ist der weltgrösste Handballverband.  Das Gute daran ist, dass man immer gewinnen will. Das ist schon die vorherrschende Einstellung in Deutschland und damit kommt man weiter, als wenn man diese Einstellung nicht hat.

Aber ein gewisser Realitätssinn muss schon da sein. Erwartungen bzw. überhöhte Erwartungen führen eigentlich immer zu Enttäuschungen. Man muss Ziele haben, aber die Erwartungshaltungen sollten nicht übertrieben werden.

Wir erleben es gerade wieder, nach den beiden Vorbereitungsspielen zwischen Frankreich und Deutschland. Schon geht die Erwartungshaltung wieder hoch.

Es waren zwei gute Spiele mit knappen Ergebnissen, aber die EURO ist noch einmal eine andere Geschichte.

Statt zu sagen: Da sind 16 Mannschaften, die können alle Handball spielen, lasst uns doch von Spiel zu Spiel daran gehen. Dann ergeben sich auch die besten Chancen auf den Erfolg. Aber jetzt wird schon wieder über Medaillen und weiss ich was gesprochen.

Aus einen Traum wird ein Ziel, aus einem Ziel wir ein Minimalziel und schon ist die Enttäuschung da, wenn man das Halbfinale nicht erreicht.

Talentierte Spielerinnen wie Aimée von Pereira (OG Nice) oder Merle Albers (Metz HB) zieht es in sehr jungen Jahren schon weg aus Deutschland – eine gute Entwicklung?

Das Wort “Gut” ist immer schwierig.  Was ich gut finde ist, wenn Spielerinnen sich fragen: Was will ich überhaupt mit Handball? –  und sich dann ihren Weg suchen. Für die eine geht es da hin und für die andere dort hin.

Die Aufgabe für die deutschen Vereine, gemeinsam mit dem DHB, ist es eine Plattform zu bieten, die eine Entwicklung zur Weltspitze ermöglicht. Wenn die Vereine das richtig machen, werden die Spielerinnen auch nicht gehen.

Für die Spielerinnen ist wichtig: Es ist ihr Leben und sie sollen entscheiden.  Ich finde es gut, wenn sich Spielerinnen informieren, Ziele setzen und ihren Weg suchen.  Denn mentale Stärke entsteht auch durch Entscheidungen treffen und Verantwortung für diese Entscheidungen zu übernehmen.

Von daher ist es nicht so wichtig, ob eine Spielerin in Deutschland spielt. Auch im Ausland gibt es Vereine wo sie gut aufgehoben sind und wo sie Handballspielen lernen können.

Mir ist es wichtig, dass sie sich einen Verein suchen, wo sie sich Handballmässig und menschlich weiterentwickeln können und sich nicht von Geld, Sonne oder Abenteuer locken lassen.

Grundsätzlich finde ich es gut, daß sie nicht brav irgendwo hinlaufen, wo Leute sagen, “Da musst du jetzt hin”, sondern, dass sie sich selbst schlau machen und sich Fragen stellen. “Was will ich eigentlich?  Wo kann ich das machen? Was gefällt mir und welchen Weg gehe ich?” Ich denke dieses Vorgehen bringt uns bzw. den Handball weiter.

Welche Mannschaften zeichnen sich, als Favoriten für die EHF EURO 2022 ab?

Norwegen und Frankreich werden wieder mit zu den Favoriten zählen.  Ich weiss nicht genau, wie stark Schweden ist und bei Holland weiss man es auch nicht. Auch dort ist vieles noch nicht sicher.

Dänemark wird ebenfalls angreifen, auch wenn sie bei dem Golden League Turnier nicht überragend gespielt haben.

Ich bin sehr gespannt, wie sich Montenegro bei dem Turnier entwickelt.  Insgesamt wird es wohl wieder auf die üblichen Verdächtigen hinauslaufen.  Bis jetzt habe ich noch keine Mannschaft gesehen, die einen wirklichen Entwicklungsvorsprung hat.

Ungarn versucht, ähnlich wie Deutschland, seit Jahren den Anschluss an die Weltspitze zu schaffen.  Auch sie kommen nicht wirklich weiter, obwohl Ungarn gerade im Nachwuchsbereich grosse Erfolge erzielt. Aber es zeigt auch, daß dies nicht alles ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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