So ist man chancenlos

By Stregspiller • December 22, 2024 • 10 min read
So ist man chancenlos

von Sascha Staat

 

Die Lage der Nation: So ist man chancenlos

 

Nun ist sie also vorbei, die Frauen-Europameisterschaft 2024. Die Medaillen gingen, wie schon bei Olympia vor wenigen Monaten und der Weltmeisterschaft im Vorjahr, an die drei Teams, die aktuell den Handball beherrschen. Naja, fast. Denn Ungarn konnte mit viel Herz und Leidenschaft gegen die favorisierten Französinnen diesen Bann durchbrechen, mit den gleichen Emotionen wie Montenegro bei der letzten Europameisterschaft. Ausnahmen bestätigen eben die Regel.

Dennoch sind gerade Norwegen, aber auch Dänemark und Frankreich der Konkurrenz voraus, und das nicht nur ein bisschen. Wenn es darauf ankommt, dann stehen sie weit vor dem Rest des Feldes. Vielleicht gibt es mal einen kleinen Ausreißer, so wie bei diesem Turnier. Selbst Schweden gelang es nicht, sich näher an die absolute Spitze heranzuarbeiten, trotz des fünften Platzes. Die Niederlande hielten ihr Niveau, das deutsche Team auch. Aber stimmt das?

Die DHB-Auswahl ist als Siebter ins Ziel gekommen, nicht zum ersten Mal. Das war schon vor vier Jahren so, genauso bei der WM 2021 und auch zwölf Monate später. Damals stand Markus Gaugisch zum ersten Mal als Bundestrainer an der Seitenlinie. Doch was hat sich eigentlich getan, seitdem er das Amt von Henk Groener übernommen hat? Damals war ein Kritikpunkt, dass man die Großen Teams nicht schlagen würde. Zur tiefen Analyse hilft ein Blick auf die Zahlen.

Unter der Regie von Gaugisch’s Vorgänger wurde bei der Europameisterschaft 2018 Norwegen geschlagen. Das war zuvor seit sieben Jahren nicht gelungen. Zudem mit einem runderneuerten Team, nachdem im Jahr zuvor die Heim-WM komplett in die Hose gegangen war. 2019 in Japan, schlug man den späteren Weltmeister Niederlande sowie Dänemark. Aber spätestens im Spiel um den siebten Platz war, trotz der Bedeutung gegen Schweden, die Luft raus, es ging nichts mehr.

Bei der Europameisterschaft 2020 versagten im entscheidenden Spiel gegen Überraschungsteam Kroatien die Nerven, sonst wäre man ins Halbfinale eingezogen. Bei der Weltmeisterschaft 2021 in Spanien verspielte man gegen die Gastgeberinnen einen frühen Vorsprung und scheiterte erneut nur knapp. Die Bilanz in vier Jahren unter Groener zeigte also nach oben und der Vertrag mit ihm sollte ursprünglich verlängert werden.

Dazu kam es nicht, stattdessen übernahm Gaugisch den Trainerposten. Der ließ auf der finalen Pressekonferenz in Wien wissen, dass man sich in den Spielen gegen die auf dem Papier kleineren Gegner weiterentwickelt hätte. Jein. Denn schaut man auch hier auf die reinen Ergebnisse, dann stimmt das nur zur Hälfte. Ja, man hat die Kleinen im Griff, sogar sehr deutlich. Das war aber bei Groeners letztem Turnier als Chefcoach nicht anders.

Als zweiter Punkt der Weiterentwicklung wurden die Quoten der Außen angesprochen. Bei den Olympischen Spielen in Paris hätten Antje Döll und Jenny Behrend die besten Zahlen aufgewiesen. Das mag durchaus so sein, wirkt aber wie eine Momentaufnahme. Es hilft auch nicht bei einer Bewertung der aktuellen Leistungen bei der Europameisterschaft und dem Blick auf die Zeit seit der Amtsübernahme von Gaugisch. Denn in Österreich stimmten die Wurfquoten nicht

Fernab einer zumindest diskutablen Bilanz bei der Weiterentwicklung sind die Ergebnisse bei den vergangenenTurnieren zu betrachten. Dabei geht es nicht immer um die finale Platzierung, sondern viel mehr um die Art und Weise wie diese zustande kamen. Wäre Spanien nicht so aufmerksam gewesen nur wenige Sekunden vor Spielende in der Vorrunde der EURO 2022 den Ball aus Eigennutz über das leere Tor zu werfen, hätte Deutschland den Einzug in die Hauptrunde von Skopje kläglich verpasst.

Bei der Weltmeisterschaft im folgenden Jahr in Herning erreichte man, das gehört zur Wahrheit dazu, sehr souverän das Viertelfinale. In der Gruppenphase schlug man, wenn auch etwas glücklich, ein starkes Japan und verlor nur knapp gegen Gastgeber Dänemark. Das war bis dahin alles im Rahmen. Als es dann gegen Schweden um den Einzug in die Runde der letzten Acht ging, erzielte man zu Spielbeginn 14 (!) Minuten lang kein Tor. Ein derartiger Einbruch wiederholte sich im Spiel um Platz fünf gegen die Niederlande.

Zum Desaster wurde der Auftritt bei Olympia, der ersten Teilnahme seit 16 Jahren. Die Qualifikation in allen Ehren, aber das sportliche Abschneiden in Paris und Lille war weit weg von dem, was man sich vorgenommen hatte. Die DHB-Auswahl verlor zum Auftakt gegen Südkorea, das in allen weiteren Partien absolut chancenlos war. Zwar war man gegen Dänemark ganz nah dran und präsentierte sich ordentlich im Viertelfinale gegen Frankreich, doch der große Traum endete in einer großen Enttäuschung.

Die setzte sich in Innsbruck und Wien nahtlos fort. Ja, gegen die Außenseiter war man überlegen, sogar sehr deutlich. Aber man darf sich nichts vormachen. Im alten Modus, als nur 16 Teams mit dabei waren, hätten sich Mannschaften wie Island und vielleicht sogar die Ukraine nicht qualifiziert. Die Schweiz und Slowenien hätten Probleme gehabt, den Sprung in die Hauptrunde zu schaffen. Die Siege sind also gut und schön, zur tiefen Analyse tragen sie aber wenig bei.

Die Grenzen bekam die Gaugisch-Sieben gleich drei Mal aufgezeigt. Besonders bitter war das Spiel gegen die Niederlande, als man sich früh in der Partie eine Führung von sechs Toren erarbeitet hatte. Am Ende stand eine Pleite mit sieben Toren zu Buche. Gegen Dänemark war das Ergebnis noch deutlicher und selbst, wenn man sich gegen Norwegen ordentlich aus der Affäre zog, wäre es fatal, dieses Ergebnis falsch einzuordnen. Zweifel am norwegischen Sieg gab es nie.

Alles auf Trainer Gaugisch zu schieben, wäre viel zu einfach, schließlich steht er nicht auf der Platte. Es ist der Job der Spielerinnen, die Vorgaben umzusetzen, die Tore zu werfen, Pässe zu spielen und in der Abwehr Zweikämpfe zu gewinnen. Das kann nicht der Coach übernehmen. Leider war es bei den vergangenen vier Turnieren aber deutlich zu oft der Fall, dass in wichtigen Phasen Fehler gemacht wurden und man den Faden gänzlich verlor.

Warum aber schaffen es andere Nationen, die sich meist mit Deutschland auf Augenhöhe befinden, zumindest ab und zu in die Phalanx der Großen einzudringen? Montenegro jubelte vor zwei Jahren über die Bronze-Medaille, dieses Mal Ungarn. Es handelte sich dabei jeweils um die Co-Gastgeber, die von der Stimmung in den Hallen profitierten. Das Finalwochenende absolvierten sie aber nicht im eigenen Land, auch wenn sie auf die Unterstützung vieler Fans setzen konnten.

Andreas Michelmann setzt für die Heim-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr genau auf diesen Faktor. Aber aufgepasst: Auch 2017 lähmte die Erwartungshaltung das Team. Außerdem sind die Anhänger aus Montenegro und Ungarn um einiges fanatischer als die deutschen Fans. Hierzulande muss erst der Funke vom Team auf die Ränge überspringen, bevor die Stimmung Flügel verleihen kann. Es könnte also ein gefährlicher Trugschluss des DHB-Präsidenten sein.  Der Heimvorteil wird kein Selbstläufer.

Welche Faktoren entscheiden also am Ende über Erfolg und Misserfolg? Auf der einen Seite sind es die harten Faktoren, wie die reine Qualität, saubere Technik, taktisches Verständnis und die Physis der Spielerinnen. Auf der Pressekonferenz in Wien sprach Michelmann auch davon, dass man in den vergangenen zwei Jahrzehnten Fehler in Bezug auf die Ausbildung gemacht hätte. Das stimmt, auf der anderen Seite standen im aktuellen Kader neun Spielerinnen mit Champions-League-Erfahrung. Viele der anderen spielen in der European League.

Und ja, es geht natürlich um Spielzeiten und die Verantwortung im Team. Sitzt man auf der Bank, dann schwindet das Selbstvertrauen, egal welche Fähigkeiten man besitzt. Andererseits zeigte eine Djurdjina Jaukovic im Trikot von Montenegro sehr eindeutig, dass man keine Stammspielerin im Verein sein muss, um für die Nationalmannschaft gut zu spielen. Bei CSM Bucuresti hielten sich ihre Einsatzzeiten in Grenzen, für ihr Heimatland blühte sie umgehend auf.

Was uns zu den weichen Faktoren und dem Umfeld bringt: Ist die Stimmung so gut, wie vor Beginn des Turniers von der neuen Teammanagerin Anja Althaus noch betont wurde? Oder werden die Befindlichkeiten der Öffentlichkeit gegenüber ganz anders dargestellt, als sie sind? Sagen die Körpersprache der Spielerinnen, die hängenden Köpfe und die teilnahmslosen und oft leeren Blicken nicht etwas völlig anderes aus?

Dahingehend interessant ist eine Maßnahme des Verbandes im Umgang mit der Presse. Los ging es in Innsbruck bereits mit einer Änderung. Der DHB entschied sich für einen Kurswechsel bei den Medienterminen der Frauennationalmannschaft. Die Spielerinnen, die für die Interviews zur Verfügung stehen, wurden festgelegt. Das ist bei den Männern bereits seit bald fünf Jahren an der Tagesordnung, im Frauenbereich ist es ein Novum.

Aber ist das der richtige Weg, wenn man in der öffentlichen Wahrnehmung bereits kaum stattfindet? Sollte man den Berichterstattern nicht ermöglichen frei zu berichten und Geschichten selbst zu erzählen? Man wolle auch die zweite Reihe mehr in den Mittelpunkt stellen, hieß es. Dafür muss es aber auch eine sportliche Basis geben, wie sie Nina Engel lieferte. Bei den beiden letzten Terminen in Wien fehlten zudem mit Emily Bölk, Alina Grijseels und Xenia Smits die drei wichtigsten Gesichter des Teams.

Dieses Verhalten mag ein gutes Beispiel für vieles sein aber kein selbstbewusstes Auftreten. Das geschürte Misstrauen mindert die Lockerheit, die auch auf dem Spielfeld fehlt. Stattdessen wirkt vieles verkrampft.

Interessant sind übrigens auch die Antworten, die man bekommt, wenn man sich bei Experten aus dem Ausland umhört. Wie werden das deutsche Team und der Verband in Frankreich, Dänemark oder Norwegen gesehen? Also in den Ländern, die man gerne vom Podium stoßen würde. Die Aussagen (s.u), die alles andere als positiv ausfallen, sprechen für sich und zeigen auf, dass vor dem DHB noch enorm viel Arbeit liegt.

„Die Mannschaft spielt unattraktiven Handball.“

„Die deutschen Spielerinnen spielen international keine Hauptrolle.“

„Die Medien interessieren sich nicht für die Mannschaft.“

„Der deutsche Handball arbeitet in seiner ganz eigenen Blase.“

„Sogar Spanische Spielerinnen spielen Hauptrollen in deutschen Vereinsteams.“

„Der Trainerstab gehört längst nicht zur internationalen Spitzenklasse.“

„Der Verband springt nicht über den eigenen Schatten.“

„Es wirkt so, als sei man mit Mittelmaß zufrieden und ambitionslos.“

„Das Team kämpft nicht gegen Widerstände an und man hat Angst vor Kritik.“

„Ins Risiko zu gehen ist im Sport der Schlüssel zum Erfolg, das sieht man dort nicht.“

„Expertise aus dem Ausland oder von außen scheint nicht gewollt.“

Anhand dieser Aussagen ergeben sich Fragen:

1. Tut der DHB als größter Verband der Welt alles dafür, dass die Frauen-Nationalmannschaft maximal erfolgreich sein kann?

2. Besteht aktuell Handlungsbedarf und wie sähe der aus?

3. Wie oft hat das Team seit der Amtsübernahme von Bundestrainer Gaugisch am Leistungslimit gespielt?

4.  Ist man intern mit der Analyse wirklich ehrlich zu sich selbst?

5.  Hat in den vergangenen Jahren tatsächlich eine Weiterentwicklung stattgefunden?

Klar ist, dass langfristiger Erfolg nur möglich ist, wenn entsprechende Strukturen geschaffen werden. Die Leistungszentren, von denen vor zwei Jahren bereits gesprochen wurde, sind noch längst nicht in Betrieb. Wertvolle Zeit ging verloren. Hier geht es aber um Spielerinnen, die vielleicht in zehn Jahren in der Nationalmannschaft spielen.

Kurzfristig muss sich der Verband überlegen, welchen Effekt das Heimturnier 2025 haben soll. Vor sieben Jahren ließ man eine große Chance kläglich liegen. Derzeit hat man nicht den Eindruck, dass der DHB aus den Fehlern von damals nicht viel gelernt hat. Wenn man so weitermacht, wird man in zwölf Monaten kaum erfolgreich sein.

Fazit: Egal wie man es dreht und wendet, in der aktuellen Konstellation ist man in Richtung Spitzenhandball chancenlos. Ein Jahr vor der Weltmeisterschaft ist Handlungsbedarf nicht wegzudiskutieren.